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„Bist du ein Hellseher?“ – Das Gehör entwickeln

Ich hatte diese Woche wieder eine lustige Anekdote mit einem Mix- Kunden. Die Band hat sich selbst aufgenommen und hat mir den Rohmix eines Songs geschickt. Ein Bandmitglied fragte, ob ich daran noch etwas verbessern könnte, da sie selbst nicht mehr weiter kämen und jetzt gerne Hilfe hätten.

Als ich den Mix der Band gehört habe, sind mir die üblichen Dinge aufgefallen. Aber insbesondere der sehr laute E- Bass, der den gesamten Mix dominiert hat. Ich habe also geantwortet „Hey cooler Song/ Mix, darauf können wir aufbauen. Ich würde schätzen, du bist Bassist oder magst Bass.“
Die Antwort darauf:“ WOOOAAAR, bist du ein Hellseher? Ja ich spiele Bass!!!“

Das Gehör entwickeln

Ich würde jetzt gerne behaupten, dass ich Hellseher bin, aber nein. Es gibt einige Dinge, die bei einem noch nicht so geschulten Gehör vorkommen.

Referenzhören
Da es hilft zu Wissen was man „falsch“ hört, folgen hier gleich ein paar Beispiele, auf die Ihr besonders achten solltet. Wirklich bewusst wird es einem aber erst, wenn man Aufnahmen genau und konzentriert mit professionellen Produktionen vergleicht.

Das eigene Instrument zu laut
Der Klassiker ist, das eigene Instrument zu laut zu mischen. Ehrlich gesagt glaube ich aber auch, dass man diese Tendenz nie 100% los wird. Man sollte sie jedoch soweit beherrschen, dass es heißt: „X mischt immer so Fette Gitarren, wir wollen auch so Fette Gitarren.“ und nicht mehr „Ich höre nur Gitarre“.
Für mich muss die Stimme immer vorne stehen. Wenn die Gitarre dominiert, hat meine Tendenz einmal wieder gewonnen.
In dem Beispiel von oben stimmt es wahrscheinlich gut mit dem überein, was man als Musiker auf der Bühne oder im Proberaum hört. Aber dieser subjektive Sound ist nicht der Sound, der normalerweise auf einer CD zu finden ist.

Der Radiosprecher- Sänger
Auch eine meiner Jugendsünden, aber auch gerne von Bands als Korrektur gewünscht, ist zu viel Bass in der Stimme. Man mischt anfangs gerne so viel Bass, wie der Sprecher im Radio hat. Bis einem eines Tages auffällt, wie wenig Bass in der Stimme bei professionellen Produktionen eigentlich vorhanden ist.
Beispiel aus der Praxis war eine Band, die sich in diversen Mix Versionen mehr Bass in der Stimme gewünscht hat. Als wir bei Version 7 oder 8 waren und dann nochmal konstruktiv alles durchgehört haben hieß es dann, „wir nehmen doch Mix 2“ der klingt am stimmigsten.

Unausgewogene Balance
Der dritte Punkt ist es für mich ein Gehör für das Verhältnis zwischen Instrumenten zu entwickeln. Natürlich ist ein Teil Geschmacksache, aber ich würde jetzt einmal sagen, dass dieses im Bereich von 2-4db liegt. Anfangs liegen diese Bereiche aber eher bei 6-12db, also in etwa mehr als doppelt so laut bzw. leise daneben, wo sie für ein bestimmtes Genre liegen sollten. Am einfachsten hört man es eigentlich daran, dass der Mix fragmentiert klingt. Es gibt dann einfach keinen Zusammenhang mehr zwischen den einzelnen Instrumenten. Anders gesagt stehen diese dann nicht mehr gemeinsam auf der Bühne.

Unpassender Aufbau der Hallräume
Um bei der imaginären Bühne zu bleiben so ist Hall bzw. Delay der nächste Schritt, diese zu definieren. Man hört hier einen klaren Unterschied, wer in diesem Bereich schon mehr Erfahrung hat. Ich finde es ehrlich gesagt aber relativ schwer zu definieren, wo genau die Unterschiede liegen. Delay klingt für mich etwas aufgeräumter und professioneller. Aber mehr dazu im verlinkten Artikel.
Ein Fehler war für mich auf die Anweisung „when you can hear the reverb, it’s to much“ zu hören bzw. diese falsch zu interpretieren. Ich habe immer nur so viel Hall hinein gemixt, dass man es gerade nicht hört mehr, also den Effekt generell. Die Idee dahinter ist aber, wenn man den Hall deutlich als Hall wahrnimmt und er ablenkt, dann ist es zu viel. Also man darf den Hall hören, aber eben nicht HÖREN.

Solo“- itis
Es wird oft behauptet, man sollte nicht in SOLO mischen. Das macht auch Sinn, trotzdem tue ich es. Es geht hier mehr um das Ziel als den Weg.
Ein typischer „Solo“-itis Mix hat viele einzeln klingende Elemente, aber klingt als Gesamtheit mistig. Das Ziel sollte aber sein, das die Mischung aus allen Elementen gut klingt.
Ich benutze die Solo Funktion, um genau in einzelne Instrumente hinein zu hören. Klingt die Kick auch solo nach Karton und in welchem Frequenzband liegt der Sound?
Aber eben auch, um Instrumentengruppen mit einander zu vergleichen, zB nur den Bass mit den Drums zusammen zu hören, um die Anzahl der Variablen klein zu halten. Ausführlich habe ich dies hier beschrieben:

Ich hoffe, dass ich Euch mit diesem Artikel ein wenig weiter geholfen habe. Wenn ja oder Ihr noch Fragen habt, dann schreibt gerne einen Kommentar unter diesen Artikel.

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