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Besser Mischen lernen

Viele der genannten Punkte kommen aus dem Buch „Mixing Secrets for the Small Studio“ von Mike Senior (Link zu Amazon), deswegen möchte ich es auch gleich hier oben genannt haben.
Dazu gibt es auch noch einen direkten Link zur Homepage von Mike Senior, wo Ihr zum jetzigen Zeitpunkt knapp 500 Songs als Einzelspuren zum Üben findet. Dazu hat er zu den einzelnen Kapiteln des Buches Videos aufgenommen, die auch sehr zu empfehlen sind. Ich kann Euch das Buch nur wärmstens empfehlen.
Zu den Songs und Kapiteln des Buches

Schritt 1:
Ihr müsst Mischen, um Mischen zu lernen.

BITTE LESEN! Bevor Ihr jetzt denkt, „ist klar nächster Punkt“, hoffe ich, dass ich kurz Eure Aufmerksamkeit habe und den Punkt vertiefen kann. Und das machen wir am besten mit ein paar Fragen, die Ihr Euch selbst beantworten solltet:

  1. Wie viele Mixe hast du diese Woche beendet?
  2. Mit wie vielen verschiedenen Songs hast du diese Woche gearbeitet?
  3. Hast du mit Songs von anderen Künstlern und/oder aus anderen Genres gearbeitet?
  4. AND the big one:
    Verbringst du mehr Zeit mit Mischen oder darüber zu lesen, sehen, hören und oder zu diskutieren (Mischzeit vs. Podcast, Youtube, Foren usw.)?

Antworten und Kommentare:
Ad 1 – Die Zahl sollte „fertige Mixe >= 1 sein“. Ihr solltet also mindestens einen Song pro Woche beenden. Am besten gebt Ihr Euch selbst eine Deadline. Zum Beispiel ist bei mir sonntags immer Abgabetag.
Ein Mix ist niemals fertig, sondern er bekommt eine Deadline. Das heißt, Sonntag muss Mix Version 1 stehen. Sonntag ist also das beste Produkt, das Ihr aktuell schaffen könnt, als Version 1 auf der Platte ohne Wenn und Aber. Neue Woche, neuer Song. Ab Mittwoch könnt Ihr mit frischen Ohren an eine Version 2 denken. Aber denkt auch daran, Sonntag ist Abgabe für den nächsten Song.

Warum das Ganze?
Ich habe anfangs bei den gleichen 2- 3 Songs wochenlang die Knöpfe hin und her geschoben, ohne dass es wirklich zu einem Ergebnis geführt hat. Meiner Meinung nach sollte man:

1. ein Werk für fertig erklären

2. die Bandbreite an Material mit dem man arbeitet erhöhen

3. Ihr könnt nur begrenzt viel lernen, wenn Ihr dauernd die gleichen Spuren vor Euch habt

Aber ich arbeite nur an meiner eigenen Musik und habe nicht so viele Songs?
Hier kommen die Übungstracks von oben ins Spiel. Einfach herunterladen und losmischen.

Ad 2 – Ich hatte es unter 1 schon gesagt: Ihr werdet niemals einen guten Lerneffekt erzielen, wenn ihr den gleichen Kanal im gleichen Song immer hin und her schiebt. Glaubt mir, ich habe es versucht, es hilft nicht.

Ad 3 – Wieviel verschiedenes Material hattet Ihr in den Fingern? Habt Ihr diesen Monat eine Rocknummer, einen Popsong, eine Latin Ballade und einen Folksong gemischt? Auch wenn Ihr Euch auf den Rock/ Metal Bereich fokussieren wollt hilft es ungemein, seinen Horizont zu erweitern und andere Techniken und Denkweisen zu erlernen. Auch hier steigert Ihr wieder Euren Lerneffekt.

Ad 4 – Seid hier bitte ehrlich mit Euch selbst. Wieviel Zeit verbringt Ihr damit, Youtube Videos über Audioproduktion und Mixing zu sehen, anstatt selber aktiv zu sein? Besorgt Euch auch einmal eine der unzähligen Tracker Apps und seht Eure echten Zahlen. Ihr werdet Euch wundern. Ich habe es auch getan und wundere mich immer noch.
Habt Ihr das „Gelernte“ aus dem vorletzten Video überhaupt schon umgesetzt? Könnt Ihr Euch überhaupt daran erinnern?
Meine Empfehlung: Versucht nur zu schauen/ lesen/ hören, wenn Ihr Fragen aus der Praxis habt. „Wie kann ich das Kick- und Bassverhältnis besser gestalten?“ oder „Welche Vocaleffekte gibt es?“. Das ist dann Lernen. Alles andere ist Zeitvertreib oder Entertainment, aber es wird Euch nicht schnell weiter bringen.
Extra Warnung vor Foren
Ein super Zeitvertreib. Aber es ist extrem viel „Hörensagen“ und „Nachgeplapper“. Es sollte Euch wichtiger sein, Eure eigene Meinung zu formen, als die von anderen nachzuplappern.
Hier gilt also, wenn Ihr vor konkreten aus der Praxis entstanden Problemen steht, dann sucht hier Eure Antwort. Alles andere ist wieder nur Zeitvertreib und bringt Euch nur wenig bis gar nicht weiter!

Schritt 2:
Was ist wirklich wichtig?

Nun mache ich mich vielleicht bei vielen Leuten, die etwas verkaufen wollen unbeliebt, aber das wichtigste und meist unterschätzteste Tool in Eurer DAW ist der Fader. Dazu gibt es noch ein Paar Tools wie EQ und Kompressoren, die aber nur eine Erweiterung des Faders darstellen bzw. Mittel sind, die Lautstärke zu verändern. Diese sind bei allen DAWs selbst in der kleinsten Version als Bordmittel enthalten oder gibt sie als gratis Plugins.

Warum sich (fast) alles um die Lautstärke dreht?
Das wichtigste beim Mischen sind die Lautstärkeverhältnisse der einzelnen Spuren. Was bringt Euch eine fancy komprimierte Kickdrum, wenn die Snare doppelt so laut ist und man nur Snare hört? Das klingt jetzt nach einem Extrembeispiel, aber je mehr Erfahrung Ihr sammelt, desto größer wirken selbst kleine Imbalances. Also ist alles, was wir brauchen der Fader, um eine Grundbasis zu erstellen. Und ja, das ist und bleibt mein Fokus Nr. 1 und alles Weitere baut nur darauf auf.

Und EQs?
EQs regeln auch nur die Lautstärke, aber anstatt die Lautstärke des ganzen Signals zu verändern, regeln sie nur einzelne Frequenzbereiche. Ergo: Um die Mitten anzuheben könntet Ihr entweder die Mitten anheben oder die Lautstärke über den Fader und bei Bedarf die Tiefen und Höhen absenken. Wenn Ihr oft alle Frequenzbereiche anheben wollt, solltet Ihr vielleicht eher zum Fader greifen. 😉
Der EQ ist also nichts anderes als ein Fader für Frequenzbereiche. Also solltet Ihr auch hier erst einmal an Fader und Lautstärke denken, sollte das nicht helfen zum EQ greifen.
Beispiel Bassgitarre:
Faderlevel 1: -13db. Der Bassbereich sitzt, aber man hört nur Wummern und keine Mittenhöhen und Saitengeräusche, auf einigen Boxen verschwindet er.
Faderlevel 2: – 3db. Nun könnt Ihr den Bass im Mittenbereich und auf kleinen Boxen hören, aber der Bassbereich verpasst Euch eine neue Föhnfrisur?
Hier sollten wir also zum EQ greifen, um den Bereich bei ca. 1,6khz anzuheben, um dem Signal Mitten hinzuzufügen.

Und Kompressoren?
Wo EQs (meist) statisch in die Lautstärke der Frequenzen eingreifen, greift ein normaler Kompressor dynamisch in die Lautstärke eines Signals ein. Es gibt Mischformen wie Multibandkompression und dynamischer EQ, die ich hier zwar erwähnen möchte, aber nicht weiter darauf eingehen werde.
Wir könnten auch hier wieder den Fader benutzen und manuell oder programmiert die Lautstärken angleichen. Der Kompressor macht dieses aber automatisch und wesentlich schneller.
Ein Spiel der einer Textzeile: groß = laut, klein = leise:
And IIiiii will allWAYS love YOUUUUUU
Mit dem Fader könnten wir jetzt die Lautstärke so einstellen, dass die lauten Teile gut hörbar sind, aber die leisen im Instrumental verschwinden: A II WAYS YOUUUU, was nicht ganz Sinn der Sache ist.
Hier könnten wir jetzt manuell den Fader benutzen, um die zu leisen Teile zu betonen oder einen Kompressor nutzen, um die lauten Teile abzusenken und an die leiseren Teile automatisch anzugleichen. Damit haben wir dann die Zeile: „and iiiii will allways love you“ und könnten sie über den Fader auf das passende Gesamtniveau bringen.
Also gilt auch hier wieder: Lautstärke via Fader einstellen > Problem identifizieren > Problem lösen.

Warum muss das jetzt erklärt werden?
Weil man immer wieder sieht oder eher hört, dass sofort zum EQ oder Kompressor gegriffen wird. Mir gefällt etwas nicht? EQ, Kompressor, aber zum Fader greifen ist nicht sexy, indem man eigentlich 80% der Zeit mit dem Fader verbringen sollte. Ja, Fader verkaufen keine Plugins, aber sie machen bessere Mixe. Also sollte Euer Fokus die ersten 50- 100 Mixe hier liegen.

Schritt 3:
Der Fader braucht viel Auslauf

Jetzt habe ich so viel über Lautstärke geredet, aber wie finde ich jetzt die richtige Lautstärke?
Wenn Ihr so wie ich anfangt, dann schiebt Ihr vorsichtig den Fader in mm Schritten hin und her und versucht herauszufinden, was richtig ist. Mein Tipp: Das Teil muss laufen, schiebt das Teil schnell von ganz unten nach ganz oben (so lange Ihr vernünftig gepegelt habt und Euch nicht wegpustet oder irgend etwas kaputt gemacht hat).

Faktor 1 – Macht es Euch einfach. Verringert die Variablen.
Arbeitet in 2- 3 Gruppen. Die Lautstärke im kompletten Mix einzustellen ist nicht so einfach. Beispiel:
Drums und Bass
Drums, Bass & Gitarre
Bass & Gitarre
Bass, Gitarre & Vocals
Bass & Vocals
Drums, Bass & Vocals.
So bekommt Ihr schnell die einzelnen Verhältnisse der Gruppen hin und könnt Euch auf das Wesentliche konzentrieren.

Stereo ist anfangs zu viel? Startet den Mix in Mono und wenn der Mix in Mono klingt, wechselt in Stereo.

Faktor 2 – Heranpirschen
Startet mit dem Fader komplett unten und erhöht die Lautstärke, bis es ok ist. Merkt Euch die Position. Jetzt macht das Signal offensichtlich zu laut (natürlich im sicheren Maß) und reduziert die Lautstärke bis es passt. Ihr werdet feststellen, dass die von „leise“ Methode, z.B. einen Faderwert von -17db angibt und die von „laut“ Methode -13db. Das richtige Level liegt also irgendwo dazwischen. Ihr werdet auch feststellen, dass der Bereich mit Eurer Erfahrung, aber vor allem mit dem Voranschreiten des Mixes kleiner wird. In der ersten Runde sind es vll 5db und nach 3- 5 Durchläufen 2 db Unterschied.

Faktor 3 – Viele kleine Schritte
Ich bin mir nicht mehr sicher, wo ich es gelesen habe, aber ich fand die Metapher sehr passend. Ein Mix ist wie eine Skulptur und der Engineer ist der Steinmetz.
Anfangs werden wir gröbere Schritte machen, die aber mit fortschreitender Arbeit kleiner und detailreicher werden. Wir müssen uns nach und nach vorarbeiten. Wir können nicht einmal draufhauen und sind fertig, sondern wir müssen immer wieder in kleinen Schritten um die Skulptur herum arbeiten.
Wir gehen also nicht hin und nehmen einmal die Kick in die Hand, machen eine riesen Änderung und fassen die Kick nie wieder an. Sondern wir sollten viel mehr, also viele kleine Runden machen. Wir passen in der ersten Runde grob die Lautstärke an und gehen zu den anderen Elementen über. Kommen dann wieder und passen die Lautstärke erneut an, nur ein wenig präziser, wieder zu den anderen Elementen. In der 3. Runde minimal Lautstärkenkorrektur und wir stellen fest, es fehlt minimal an Höhen und „klick“ also eine kleine Änderung und wieder zu den anderen Elementen. Und wir machen so viele Runden wie nötig, immer mit kleinen Änderungen, die vor allem aufeinander aufbauen und zusammenarbeiten.
Was wird gerne falsch gemacht?
Kick in Solo und dann 15 Minuten nur an der Kick drehen. Das Ganze dann noch für die anderen Elemente und wir haben viele, einzelne evtl. klingenden Elemente, aber keinen homogegen Mix, der aufeinander aufbaut. Das Ziel ist nicht der einzelne Kanal, sondern das große Ganze. Was bringt es, die Kick um 10db bei 5 k zu boosten, wenn eigentlich nur 2-3db nötigen wären, sobald die anderen Kanäle ihren Platz gefunden haben.
Wenn es Euch schwer fällt, das große Ganze zu sehen, verringert die Anzahl der Variablen alla Faktor 1.

Schritt 4:
Quantität macht Qualität

Wahrscheinlich wiederhole ich mich ein wenig, aber es wurden mehrere Studien durchgeführt in verschiedenen Bereichen, die aber alle zu dem gleichen Ergebnis geführt haben.

Gruppe A wurde gesagt: „Baut die beste Vase, malt das beste Bild oder macht den besten Mix. Ihr habt zB. zwei Wochen Zeit, aber macht nur ein Teil davon.“

Gruppe B wurde gesagt:“ Macht so viele Vasen, Bilder oder Mixe wie möglich in zwei Wochen.“

Zu 85% waren die besten qualitativen Ergebnisse in Gruppe B zu finden, obwohl hier nicht die Qualität im Vordergrund stand. Es bleibt also dabei, Übung macht den Meister. Ihr werdet sehr wahrscheinlich kein gutes Ergebnis erreichen, auch wenn ihr 8 Wochen versucht, krampfhaft die Qualität zu steigern.

Ein Beispiel aus meiner Erfahrungskiste: Als ich meine Diffusor gebaut habe, habe ich alle einzelnen Elemente rund geschliffen. Ich hätte bei den ersten 10 Stück versuchen können, diese noch so gut hin zu bekommen. Die Ergebnisse von Klotz 50 waren um Längen besser. Und Klotz 100 war nochmal besser. Und am Ende waren die Klötze 1- 50 miserabel und ich habe sie mit der Erfahrung von Klotz 150 verfeinert. Wie würde das Ganze nach 1000 Klötzen aussehen?
Ergebnis: Ihr werdet anfangs Mist produzieren und das ist ok. Und Ihr könnt Euch noch so verkrampfen um zu versuchen, Qualität zu erzeugen, es wird nicht gelingen. Erhöht einfach die Masse und Ihr werdet schnell Erfolge sehen.
Oder anders gesagt, wenn Ihr nicht 25- 50 Mixes unter der Haube habt, braucht Ihr Euch nicht über Plugins oder Ähnliches Gedanken zu machen. 5- 10 neue Mixes bringen Euch mehr als 2 neue Plugins.

3 Antworten auf „Besser Mischen lernen“

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