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Fokus – Bass, Mitten oder Höhen?

Auf welchen Frequenzbereich sollten wir uns am Anfang konzentrieren?

3 Gründe, warum es die Mitten sind.

1. Unsere Natur

Wie die Fletcher Munson Kurve beschreibt, ist unser Gehör nicht linear, am „empfindlichsten“ sind wir in den Mitten, also im Bereich von 500hz – 2000 hz. Hier liegt also unser natürlich Fokus. Nur wenn wir eine gewisse Lautstärke erreichen, wird unser Gehör linear(er) und wir hören die Höhen und Bässe korrekt. Doch selbst da haben wir einen natürlichen Fokus auf den Mittenbereich
Wenn wir jetzt Signale sehr leise wiedergeben, hören wir Bässe und Höhen weniger bis gar nicht. Oder anders formuliert sind die Mitten fast immer im Fokus.

2. Die Abspielsituation

Die meisten Consumer Endgeräte haben heute eine annehmbare Audioqualität, trotzdem wird immer mehr Musik über Handys, Bluetooth Boxen und kleine Kopfhörer konsumiert. Die Geräte haben typisch eine gute Mittenwiedergabe, aber je nach Gerät fallen die Qualität oder auch die Quantität der Bässe und Höhen eher schlecht aus.
Das bedeutet, dass der gemeinsame Nenner fast immer die Mitten sind, die auf nahezu allen Geräten gehört werden können.
Beim Abspielen via Boxen tritt dann der Raum und die Akustik in den Vordergrund. Hier gibt es oft gerade im Bassbereich Probleme.


3. Die Mixing Situation

Wenn man pragmatisch veranlagt ist, gilt das gleiche sowohl für die mixing Situation, als auch für die allgemeine Abspielsituation. Wir sollten uns also auf den Bereich fokussieren, den wir am besten beurteilen können. Ich wage zu behaupten, dass viele am Anfang einen guten Bassbereich mischen wollen. Bass macht gute Laune und einfach Spaß, aber anfangs werden die Ergebnisse, die wir hier erzielen können, mäßig bis schlecht sein.
Es kann aus den folgenden Gründen eigentlich nur schief gehen:

  1. Günstige Boxen kommen nicht so tief. Nun werden erst einmal viele sagen, „aber in meinem Datenblatt steht, meine Boxen gehen bis 26 hz (-6db)“. Man sollte wissen, dass -6db schon beinahe die Reduktion um die Hälfte der Lautstärke ist, aber es sieht so harmlos aus.
    Es gilt hier die Grenzen der Physik zu überwinden und viel Masse und Volumen im Bass braucht viel Energie und große Lautsprecher.
    Man kann hier ein wenig tricksen und das wird auch sehr oft gemacht mit der Bass- Reflexbauweise. Hierbei setzt man einen RESONANZ-Kanal in den Lautsprecher ein, der den Bassbereich betont und verbessert.
    Das sieht dann im Datenblatt und in der Frequenzkurve imposant aus. Aber hat sich schon einmal jemand gefragt, warum Hersteller quasi nie Wasserfalldiagramme veröffentlichen? Ein Wasserfalldiagramm zeigt den zeitlichen Verlauf des Lautsprechers und ideal ist, wenn es kein Nachschwingen gibt.
    Was passiert jetzt, wenn wir etwas in den Lautsprecher einbauen, was bewusst resoniert? 😉 Wir haben einen Bass, hörbaren Bass, aber eigentlich ist es nur Matsch und Resonanz. Dementsprechend haben günstige oder kleine Lautsprecher zwar Bass, aber von Definition kann nicht die Rede sein. Das ist fürs Mischen ein echtes Problem! Die zwei beliebtesten Mixing Boxen NS10 und Auratones sind übrigens beide geschlossene Gehäuse ohne Bass- Reflex. Ein Wunder? Ich denke nicht.
  2. Neben den Boxen spielt auch der Raum eine entscheidende Rolle. Auch hier gibt es besonders im Bassbereich wieder Probleme durch stehende Wellen, sogenannte Raummoden. Diese entstehen, wenn die Wellenlänge der Entfernung, also von Wand zu Wand entspricht. Ein Beispiel 100 hz haben etwa 3.4m Wellenlänge. 120hz entsprechen circa 2,8m, was der typischen Deckenhöhe in den meisten Wohnungen entspricht und ein relativ normaler Problembereich ist. Die Effekte sind wirklich dramatisch, wir reden hier von kompletten Auslöschungen oder Anhebungen und Absenkungen von +- 30db!
  3. Dem Ganzen kann man zwar mit Akustikmaßnahmen zu Leibe rücken, aber auch hier macht es uns die Physik schwer. Die einfachste und günstigste Variante ist die Absorption. Das geht am besten, indem man den Schall an der Stelle bremst, wo er sich am meisten bewegt. Dieser Bauch ist am größten bei einem 1/4 der Wellenlänge. Um bei den 120 hz und 2,8 m zu bleiben entspricht das also 70 cm. Sinkt die Frequenz auf 30 hz, so haben wir eine Wellenlänge von grob 11,3 Metern und das entspricht nur 1/4 bei 2,8 Metern.
    Fazit: Der 5cm Pyramidenschaum bringt da, wo es wirklich relevant ist, quasi nix (wirkt etwa ab 1-2khz). Also Finger weg.
    Kleine Randnotiz: der Absorber muss keine 70cm tief sein, aber bei 70cm stehen. Wandabstand des Absorbers steigert also die Effektivität in den Tiefen ohne extra zu kosten. Gut berechnen und visualisieren kann man das mit folgenden Tool:
    http://www.acousticmodelling.com/porous.php
    Um beim Thema zu bleiben, anfangs ist es am einfachsten die Mitten oder Höhen im Raum zu behandeln, was sowohl den Frequenzverlauf, als auch die Nachhallzeit des Raumes angeht. Je tiefer wir korrigieren wollen, desto aufwendiger und teurer werden die Maßnahmen.

Um die 3 Punkte zusammenzufassen: es ist es relativ unwahrscheinlich, dass ihr den Bassbereich mit Euren Boxen in Eurem Raum korrekt hört, tut mir Leid für die Erkenntnis.

ABER warum hier zu viele Ressourcen und zu viel Zeit mit dem Bassbereich verschwenden, wenn Ihr Euch auf die Mitten konzentrieren könnt. Die Mitten können eh fast alle Geräte halbwegs korrekt wiedergeben und der Mensch hört sie mit am besten und genauesten.

Wenn wir also am Anfang unser Karriere gute Mixe machen wollen, sollten wir uns auf die Mitten konzentrieren. Das Ergebnis wird besser ankommen und wir sparen uns viel Zeit mit Bass- Rätsel raten. Also zum Auto rennen, Mixvergleich hören, enttäuscht sein, wieder zurück.
Wenn die Zeit kommt , dann werdet Ihr anfangen, Euren Raum zu optimieren und danach kommen vielleicht auch größere Boxen.

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